Warum die Hantel oft mehr bewirkt als die Hand: Krafttraining in der Physiotherapie
Ein evidenzbasierter Blick auf lokale, systemische, funktionelle und psychosoziale Effekte – und darauf, warum Krafttraining zur Philosophie „gesund bewegen" besser passt als reine Handarbeit.
Einleitung:
Wer als Physiotherapeut mit Rückenschmerzen, Tendinopathien oder anderen muskuloskelettalen Beschwerden arbeitet, kennt die Versuchung: Der Patient liegt auf der Bank, klagt über Schmerzen, und die naheliegendste Reaktion ist, die Hände aufzulegen. Mobilisieren, lösen, „behandeln“. Krafttraining hingegen wirkt für viele Patienten – und nicht selten auch für Therapeuten – zunächst gegenintuitiv: Warum sollte man einen schmerzenden Rücken belasten, statt ihn zu entlasten?
Die aktuelle Evidenz beantwortet diese Frage überraschend eindeutig. Progressives Krafttraining ist heute eine der am besten untersuchten und wirksamsten Interventionen in der Behandlung chronischer muskuloskelettaler Schmerzen – von der lumbalen Rückenschmerzproblematik bis zur Tendinopathie. Es wirkt dabei nicht über einen einzigen Mechanismus, sondern über ein Zusammenspiel aus lokalen Gewebeadaptationen, systemischen physiologischen Effekten, funktionellen Verbesserungen und – oft unterschätzt – tiefgreifenden psychosozialen Prozessen. Dieser Artikel ordnet diese Wirkmechanismen kritisch ein, prüft die Evidenz an den Beispielen Low Back Pain (LBP) und Tendinopathien, differenziert spezifische von unspezifischen Effekten und diskutiert abschließend, warum Krafttraining der Philosophie einer aktivierenden, ressourcenorientierten Physiotherapie („gesund bewegen“) strukturell näherliegt als ein primär passiv-handwerklich geprägtes Behandlungsmodell.
1.Wirkmechanismen von Krafttraining:
1.1 Lokale Effekte: Muskel und Sehne als adaptive Gewebe
Auf Gewebeebene ist Krafttraining zunächst das, wonach es klingt: ein mechanischer Reiz. Muskel- und Sehnengewebe reagieren auf wiederholte, progressiv gesteigerte Belastung mit strukturellen Anpassungen. Sehnengewebe besitzt dabei eine besonders dynamische extrazelluläre Matrix, die – entgegen der lange vorherrschenden Annahme eines weitgehend inerten Bindegewebes – kontinuierlich Kollagen auf- und abbaut und sich an mechanische Belastung anpasst (Kjær, 2004). Über mechanotransduktive Signalwege, insbesondere Integrin-vermittelte Signalkaskaden, wird die Kollagensynthese in Tenozyten als Reaktion auf Zugbelastung gesteigert (Kjær, 2004). Nach akuter wie chronischer mechanischer Belastung lassen sich im peritendinösen Gewebe erhöhte Konzentrationen von TGF-β, IGF-1 und Prokollagen nachweisen, wobei die Dehnung (Strain) und nicht primär die absolute Zugkraft der entscheidende Stimulus für diese Anpassungsreaktion zu sein scheint (Kjær et al., 2009). Wichtig für die Praxis: Diese Adaptation ist ein langsamer Prozess – die Anpassungszeit von Sehnengewebe an chronische Belastung ist deutlich länger als die von kontraktilen Muskelelementen (Kjær et al., 2009). Wer von Patienten oder sich selbst schnelle strukturelle Veränderungen erwartet, wird enttäuscht; die klinische Wirkung von Krafttraining bei Tendinopathien tritt daher, wie weiter unten gezeigt wird, oft deutlich vor messbaren Strukturveränderungen ein.
Auch auf muskulärer Ebene ist die Befundlage bei chronischen Rückenschmerzen aufschlussreich, allerdings komplexer als das populäre „Instabilitäts-Narrativ“ suggeriert. Mehrere systematische Übersichtsarbeiten zeigen übereinstimmend eine reduzierte Querschnittsfläche des Musculus multifidus bei Menschen mit chronischem LBP, insbesondere in den unteren lumbalen Segmenten (Fortin & Macedo, 2013; Sions et al., zit. nach aktuellen Reviews). Eine aktuelle Metaanalyse bestätigt dies segmentspezifisch für Multifidus und Psoas major, während der Erector spinae keine konsistenten Unterschiede zeigt und teilweise sogar eine kompensatorische Hypertrophie andeutet. Entscheidend für die klinische Einordnung ist jedoch: Die Assoziation zwischen einer Vergrößerung der Multifidus-Querschnittsfläche durch Training und einer tatsächlichen Verbesserung von Schmerz oder Behinderung ist in der bisherigen Evidenz nicht konsistent nachweisbar – ein systematisches Review fand hierzu keine gesicherte Korrelation. Diese Beobachtung ist zentral für das Verständnis, warum Krafttraining wirkt: Nicht primär, weil ein „defizitärer“ Muskel repariert wird, sondern über deutlich breitere Mechanismen, die im Folgenden dargestellt werden.

1.2 Systemische Effekte: Mehr als ein lokales Phänomen
Skelettmuskulatur ist kein rein mechanisches Organ, sondern ein aktives endokrines Gewebe. Bei muskulärer Kontraktion werden sogenannte Myokine freigesetzt – allen voran Interleukin-6 (IL-6), das muskulär sezerniert eine dezidiert entzündungshemmende Wirkung entfaltet: Es hemmt die Freisetzung von TNF-α und fördert gleichzeitig die Ausschüttung der antiinflammatorischen Zytokine IL-10 und IL-1-Rezeptorantagonist (Severinsen & Pedersen, 2020; Ringleb et al., 2024). Dies steht in bemerkenswertem Kontrast zur Rolle von IL-6 als klassischem proinflammatorischem Marker bei systemischer Entzündung – die Herkunft des Signals (kontrahierender Muskel versus Immunzellen) entscheidet über dessen funktionale Bedeutung (Severinsen & Pedersen, 2020). Eine aktuelle Metaanalyse zu akutem Krafttraining bestätigt einen moderaten positiven Effekt auf IL-6 und IL-1-Rezeptorantagonist sowie einen kleineren bis moderaten Effekt auf IL-15 (Ringleb et al., 2024).
Diese muskulär-endokrine Achse erklärt teilweise, warum Krafttraining auch jenseits des behandelten Gewebes wirkt. Großangelegte Kohortenstudien und Metaanalysen zeigen, dass regelmäßiges muskelkräftigendes Training mit einer signifikant reduzierten Gesamtmortalität sowie einem reduzierten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, bestimmte Krebsarten und Diabetes assoziiert ist – mit einer relativen Risikoreduktion der Gesamtmortalität von rund 15 % bereits bei jeder Form von muskelkräftigender Aktivität gegenüber keiner (Momma et al., 2022). Bemerkenswert ist dabei eine J-förmige Dosis-Wirkungs-Beziehung: Der größte protektive Effekt zeigt sich bereits bei etwa 30–60 Minuten pro Woche, während höhere Trainingsvolumina keinen linear weiter zunehmenden Nutzen erbringen (Momma et al., 2022). Für die physiotherapeutische Praxis bedeutet dies: Bereits moderate, aber regelmäßige Kraftreize entfalten einen relevanten systemischen Gesundheitseffekt – ein Argument, das weit über die reine Schmerzbehandlung hinausreicht und Krafttraining als genuin gesundheitsförderliche, nicht nur symptomorientierte Maßnahme positioniert.
Ein weiterer systemischer Wirkmechanismus mit direkter Schmerzrelevanz ist die sogenannte belastungsinduzierte Hypoalgesie (Exercise-Induced Hypoalgesia, EIH). Sowohl aerobes als auch Krafttraining führen bei schmerzfreien Personen akut zu einer verminderten Schmerzempfindlichkeit an belasteten wie unbelasteten Körperstellen, vermittelt unter anderem über die Aktivierung des endogenen Opioidsystems sowie serotonerge, kardiovaskuläre und immunologische Mechanismen (Rice et al., 2019; Vaegter & Jones, 2020). Klinisch bedeutsam ist jedoch, dass dieser Effekt bei Menschen mit chronischen Schmerzen häufig abgeschwächt oder sogar umgekehrt ist (Hyperalgesie statt Hypoalgesie), sich jedoch durch wiederholte Trainingsreize über die Zeit normalisieren kann (Rice et al., 2019). Dies liefert eine physiologische Begründung dafür, warum ein einzelnes Krafttraining bei einem Patienten mit chronischem LBP möglicherweise noch keine Erleichterung bringt, ein strukturiertes, progressives Programm über Wochen jedoch sehr wohl.

1.3 Funktionelle Effekte:
Neben den strukturellen und systemischen Anpassungen verbessert Krafttraining unmittelbar beobachtbare funktionelle Parameter: Maximalkraft, muskuläre Ausdauer, Bewegungsökonomie und Belastungstoleranz. Für die berufliche und sportliche Wiedereingliederung – etwa bei unserem wiederkehrenden Fallbeispiel eines Bauarbeiters mit LBP – ist dies unmittelbar handlungsrelevant: Wer schwere Lasten heben muss, profitiert von einer erhöhten Kapazität der beanspruchten Muskelketten mehr als von einer kurzfristigen Schmerzlinderung durch passive Techniken. Systematische Reviews zu Posterior-Chain-Krafttraining bei chronischem LBP zeigen entsprechend nicht nur Verbesserungen von Schmerz und Behinderung, sondern auch signifikante Zuwächse der Muskelkraft gegenüber allgemeinem Training oder Gehprogrammen (Tataryn et al., 2021). Funktionelle Kapazität ist damit nicht nur ein Nebeneffekt der Schmerzreduktion, sondern ein eigenständiges, klinisch bedeutsames Behandlungsziel.

1.4 Psychosoziale Effekte: Bewegungsverhalten, Angst-Vermeidung, Enaktivismus und Affordance-based Training
Der möglicherweise am stärksten unterschätzte Wirkmechanismus von Krafttraining liegt jenseits des Gewebes: in seiner Wirkung auf Kognition, Verhalten und die Beziehung des Patienten zu seinem eigenen Körper.
Selbstwirksamkeit. Zahlreiche Studien belegen, dass Selbstwirksamkeit („pain self-efficacy“) als zentraler Mediator und protektiver Faktor im Verhältnis zwischen Schmerz und Behinderung bei chronischen muskuloskelettalen Beschwerden fungiert (Martinez-Calderon et al., 2018). Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse zeigt konkret, dass Bewegung und Training bei Menschen mit chronischem, unspezifischem LBP die Schmerz-Selbstwirksamkeit signifikant steigert – ein Effekt, der über die reine Schmerzlinderung hinausgeht und als eigenständiger therapeutischer Wirkpfad diskutiert wird. Aktives, selbstständig durchgeführtes und zunehmend belastbares Krafttraining vermittelt dem Patienten dabei eine Erfahrung von Kontrolle und Kompetenz, die passive Techniken strukturell nicht liefern können, da sie den Patienten in einer empfangenden statt handelnden Rolle belassen.
Bewegungsverhalten und Angst-Vermeidung. Im Fear-Avoidance-Modell nach Hasenbring und Kollegen führt die Katastrophisierung von Schmerz über Hypervigilanz zu Vermeidungsverhalten, das wiederum Dekonditionierung, Behinderung und Depression begünstigt – ein Teufelskreis, der nur durch Konfrontation statt Vermeidung durchbrochen werden kann. Graduierte In-vivo-Exposition, bei der Patienten gezielt und schrittweise mit den gefürchteten Bewegungen konfrontiert werden, ist hierfür eine etablierte, aus der Verhaltenstherapie abgeleitete Strategie zur Reduktion von Bewegungsangst und Vermeidungsverhalten bei chronischem LBP (Riecke et al., 2013). Progressives Krafttraining lässt sich als eine besonders alltagsnahe und dosierbare Form dieser graduierten Exposition verstehen: Das kontrollierte, schrittweise Steigern von Last konfrontiert den Patienten aktiv mit zuvor vermiedenen Bewegungsmustern (Bücken, Heben, Rotieren) und liefert dabei laufend positive Rückmeldung über die tatsächliche Belastbarkeit des eigenen Körpers – im Gegensatz zur passiven Behandlung, bei der der Körper in der Rolle des zu reparierenden Objekts verbleibt.
Enaktivismus und Affordance-based Training. Ein neuerer theoretischer Rahmen, der die vorgenannten Mechanismen konzeptionell zusammenführt, ist der ökologisch-enaktive Ansatz zum Verständnis chronischer muskuloskelettaler Schmerzen (Vaz et al., 2023). Dieser Ansatz erweitert das biopsychosoziale Modell, indem er dessen theoretische Lücke schließt: Statt Schmerz als Ergebnis additiver biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren zu betrachten, wird das schmerzbedingte Behinderungserleben als dynamischer, verkörperter und handlungsbezogener Prozess verstanden, bei dem sich das Feld der „Affordances“ – der wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten einer Person in ihrer Umwelt – zunehmend verschließt (Vaz et al., 2023). Ein Patient mit chronischem LBP „verlernt“ in diesem Verständnis nicht primär anatomisches Wissen über seinen Rücken, sondern die gelebte Erfahrung, dass Bücken, Heben oder Drehen sichere und verfügbare Handlungsoptionen sind.
Aus dieser Perspektive besteht das Ziel der Therapie nicht darin, eine vermeintliche strukturelle „Ursache“ zu beheben, sondern das Feld der Affordances wieder zu öffnen: durch den Aufbau von Fähigkeit und Zuversicht, durch das Fördern von Bewegungsvariabilität, durch sorgfältige Steuerung kontextueller Faktoren und durch personenzentrierte, an den Zielen des Patienten orientierte Aufgaben (Vaz et al., 2023). Krafttraining ist für diesen Prozess ein nahezu idealer Interventionstyp: Es ist graduierbar, es fordert aktives Handeln statt passives Erdulden, es lässt sich unmittelbar an alltagsrelevante Bewegungsmuster (Kniebeuge statt „Deadlift“ abstrakt, sondern Heben einer Kiste) koppeln, und es liefert dem Patienten in jeder Trainingseinheit einen direkten, selbst erlebten Beweis erweiterter Handlungsfähigkeit. Wo manuelle Therapie den Patienten in der Zuschauerrolle belässt, macht Krafttraining ihn im enaktiven Sinn zum Akteur seiner eigenen Genesung.

2. Evidenz am Beispiel Low Back Pain:
Die Studienlage zu Krafttraining bei chronischem, unspezifischem LBP ist mittlerweile umfangreich und methodisch zunehmend robust. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse (zehn RCTs, N = 434) zeigt signifikante Verbesserungen von Schmerzintensität (SMD = −1,15), Lebensqualität (SMD = 0,82) und Behinderung (SMD = −2,76) durch Krafttraining gegenüber Vergleichsinterventionen, wobei nur die Schmerzreduktion die Schwelle klinischer Relevanz erreichte (González-Gómez & Cardellat-González, 2025). Eine Metaanalyse zu Posterior-Chain-Krafttraining empfiehlt konkret ein 12–16-wöchiges Programm mit externer Last, das gegenüber allgemeinem Training oder Gehprogrammen überlegene Effekte auf Schmerz, Behinderung und Muskelkraft zeigte, bei vergleichbarer Rate unerwünschter Ereignisse (Tataryn et al., 2021). Auch der Vergleich von belastetem („loaded“) gegenüber unbelastetem Training spricht für die spezifische Rolle externer Last: Bei einem Follow-up über sieben Wochen hinaus zeigte extern belastetes Krafttraining eine kleine, aber statistisch signifikante zusätzliche Schmerzreduktion gegenüber unbelastetem Training – ein Hinweis darauf, dass Dosierung und progressive Belastungssteigerung keine beliebigen Stellschrauben sind, sondern einen eigenständigen Beitrag zur Wirksamkeit leisten.
Interessant ist der Vergleich mit aerobem Training: Eine Metaanalyse fand keine Überlegenheit von aerobem gegenüber Krafttraining hinsichtlich der Schmerzreduktion, jedoch einen spezifischen Zusatznutzen von Krafttraining für das psychologische Wohlbefinden. Dies deutet darauf hin, dass die Trainingsmodalität selbst weniger entscheidend ist als der Umstand, überhaupt aktiv und progressiv zu trainieren – ein Befund, der die im vorigen Kapitel dargestellten psychosozialen Mechanismen empirisch stützt.

3.Evidenz am Beispiel Tendinopathien:
Bei Tendinopathien – etwa der Patella- oder Achillessehne – ist progressives Krafttraining heute First-Line-Therapie. Historisch stand zunächst exzentrisches Training im Fokus, doch die neuere Evidenz relativiert dessen Sonderstellung deutlich. Eine systematische Netzwerk-Metaanalyse zu Patellatendinopathie zeigt, dass exzentrisches Training im Vergleich zu isometrischem sowie moderatem und schwerem langsamem Krafttraining (Heavy Slow Resistance, HSR) tendenziell das am wenigsten wirksame Verfahren zur Verbesserung der Kniefunktion darstellt, während HSR insbesondere für langfristige funktionelle Verbesserungen geeignet erscheint. HSR, definiert als hochbelastetes, langsam ausgeführtes isotonisches Krafttraining, hat in mehreren Studien zu Patella- und Achillestendinopathie relevante Verbesserungen von Schmerz und Funktion gezeigt (Kongsgaard et al., 2009, zit. nach González-Gómez, 2025, sowie weiterführenden Reviews). Für andere Sehnenregionen, etwa die Glutealtendinopathie, wird HSR aktuell in Machbarkeitsstudien untersucht, da hier aus Sorge vor Schmerzexazerbation bislang zurückhaltender dosiert wurde – ein Hinweis darauf, dass die Übertragung von Evidenz zwischen anatomisch unterschiedlichen Sehnen nicht unkritisch erfolgen darf.
Der Wirkmechanismus bei Tendinopathien lässt sich klinisch klar von der reinen Strukturreparatur abgrenzen. Da die kollagene Anpassung der Sehne, wie oben dargestellt, ein langsamer Prozess ist (Kjær et al., 2009), tritt die klinische Schmerz- und Funktionsverbesserung unter Krafttraining typischerweise deutlich vor nachweisbaren strukturellen Veränderungen im Bildgebungsbefund ein. Dies unterstreicht, dass auch bei Tendinopathien – analog zu LBP – neuromodulatorische und belastungsinduzierte hypoalgetische Mechanismen (Rio et al., zit. nach Rice et al., 2019) einen wesentlichen, von der reinen Gewebereparatur unabhängigen Beitrag zur Wirksamkeit leisten.
4. Spezifische versus unspezifische Effekte:
Eine der unbequemsten, aber wichtigsten Erkenntnisse der neueren physiotherapeutischen Versorgungsforschung betrifft den Anteil unspezifischer bzw. kontextueller Effekte an der Gesamtwirkung physiotherapeutischer Interventionen. Eine aktuelle Metaanalyse randomisiert-placebokontrollierter Studien zeigt, dass unspezifische und kontextuelle Effekte einen erheblichen Teil der unmittelbaren, kurz- und langfristigen Gesamtwirkung physiotherapeutischer Interventionen bei muskuloskelettalem Schmerz erklären – mit dem größten unspezifischen Anteil bei Mobilisationstechniken, gefolgt von Weichteiltechniken, Dry Needling, Manipulation und Taping, während Übungstherapie den vergleichsweise geringsten Anteil nicht spezifischer Effekte aufweist. Dies ist ein bemerkenswerter Befund: Gerade jene Techniken, die traditionell als „spezifisch wirksam“ vermarktet werden – manuelle Verfahren, Mobilisation, Nadeltechniken –, erweisen sich in kontrollierten Vergleichen zu einem großen Teil als Träger unspezifischer, kontextabhängiger Wirkung, während Krafttraining einen vergleichsweise höheren Anteil tatsächlich spezifischer Wirksamkeit behält.
Kontextfaktoren – die therapeutische Beziehung, Erwartungen, verbale Suggestionen, das Behandlungssetting – sind dabei keineswegs zu vernachlässigende Störgrößen, sondern eigenständige, neurobiologisch fundierte Wirkmechanismen: Positive Kontextfaktoren können über die Aktivierung endogener Opioid-, Endocannabinoid- und Dopaminsysteme placeboartige Schmerzreduktion erzeugen, während negative Kontextfaktoren über Cholecystokinin- und Prostaglandinsysteme nozeboartige Schmerzverstärkung bewirken können (Rossettini et al., 2018). Für die klinische Praxis bedeutet dies zweierlei: Erstens sollten Therapeuten Kontextfaktoren aktiv und bewusst zugunsten des Patienten nutzen – unabhängig davon, ob die gewählte Hauptintervention Krafttraining oder manuelle Therapie ist. Zweitens relativiert dieser Befund die verbreitete Annahme, spezifische manuelle Techniken (etwa eine bestimmte Mobilisationsrichtung eines Wirbelsegments) wirkten primär über den behaupteten biomechanischen Mechanismus – ein Großteil ihrer Wirkung ist vermutlich kontextuell vermittelt und wäre durch andere, ebenso glaubwürdig kommunizierte Interventionen reproduzierbar.

5. Der Kontext entscheidet
Aus dem Vorangegangenen folgt eine zentrale klinische Implikation: Es geht nicht um die Frage „Krafttraining oder manuelle Therapie“ als kategorischen Gegensatz, sondern um die Frage, welche Kombination aus spezifischer Intervention und Kontextgestaltung für den individuellen Patienten in seiner spezifischen Situation die größte Wirkung entfaltet. Der direkte Vergleich zwischen Übungstherapie und manueller Therapie bei chronischem LBP zeigt in aktuellen Metaanalysen und Metaregressionsanalysen insgesamt ähnliche kurzfristige Effekte, mit einem statistisch signifikanten, wenngleich klinisch nicht eindeutig relevanten langfristigen Vorteil der Übungstherapie für die Behinderung gegenüber manueller Therapie. Die Kombination beider Ansätze zeigt gemischte Ergebnisse: Eine aktuelle Metaanalyse fand keine zusätzliche kurzfristige Schmerzreduktion durch die Kombination von manueller Therapie mit Übungstherapie gegenüber Übungstherapie allein, jedoch einen zusätzlichen Nutzen für die Funktionsverbesserung.
Diese Befundlage rechtfertigt ein differenziertes, kontextsensitives Vorgehen, wie es auch in der eigenen Bachelorarbeit zur Diskrepanz zwischen schmerzneurophysiologischem Wissen und postural-strukturell-biomechanischen Überzeugungen deutscher Physiotherapeuten herausgearbeitet wurde: Manuelle Therapie kann sinnvoll sein, um kurzfristig Bewegungstoleranz herzustellen und einem noch nicht belastungsfähigen oder stark ängstlichen Patienten den Einstieg in aktive Verfahren zu erleichtern – vorausgesetzt, sie wird nicht als alleinstehende, strukturell „reparierende“ Maßnahme kommuniziert, sondern explizit als Brücke zu aktiver Eigenkompetenz. Der Kontext – wie eine Intervention kommuniziert, gerahmt und in ein Gesamtkonzept eingebettet wird – entscheidet damit oft mehr über den Therapieerfolg als die technische Ausführung der Intervention selbst.
6. Krafttraining vs manuelle Therapie:
Die vorangegangenen Abschnitte lassen sich zu einer klaren praxisrelevanten Schlussfolgerung verdichten. Eine Physiotherapie, die sich explizit dem Leitbild „gesund bewegen“ verschreibt – also der aktiven Befähigung von Menschen zu eigenständiger, selbstwirksamer und nachhaltiger Bewegung –, findet in progressivem Krafttraining ein strukturell kohärenteres Werkzeug als in einer primär manuell-passiven Behandlungsphilosophie. Dies lässt sich an vier Punkten festmachen:
Erstens, die Rollenverteilung. Krafttraining positioniert den Patienten als Akteur, nicht als Behandlungsobjekt. Im Sinne des ökologisch-enaktiven Modells (Vaz et al., 2023) erfährt der Patient bei jeder Trainingseinheit unmittelbar und selbst erzeugt, dass sein Körper belastbar, anpassungsfähig und ihm nicht ausgeliefert ist. Manuelle Therapie hingegen kann – wird sie unreflektiert eingesetzt und kommuniziert – die im theoretischen Hintergrund dieser Artikelreihe beschriebene Vorstellung einer „defekten Körpermaschinerie“ verstärken, die von außen repariert werden muss, statt vom Patienten selbst gesteuert zu werden.
Zweitens, die Nachhaltigkeit. Krafttraining lässt sich, einmal erlernt, eigenständig fortführen, steigern und in den Alltag integrieren; es endet nicht mit dem Verlassen der Praxis. Dies deckt sich mit dem Befund, dass autonomiefördernde, selbstbestimmungstheoretisch fundierte Kommunikation die Therapieadhärenz und langfristige Verhaltensänderung bei physiotherapeutischen Patienten signifikant begünstigt, während extern kontrollierte Motivation langfristiges Bewegungsverhalten eher untergräbt. Ein Therapieansatz, der auf aktivem Krafttraining statt auf wiederkehrender manueller Behandlung basiert, ist mit den drei psychologischen Grundbedürfnissen der Selbstbestimmungstheorie – Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit – von Grund auf besser vereinbar als ein Modell, das den Patienten in wiederkehrender Abhängigkeit von der behandelnden Hand des Therapeuten hält.
Drittens, die Public-Health-Dimension. Wie gezeigt, ist regelmäßiges Krafttraining nicht nur symptomorientiert wirksam, sondern mit einer signifikanten Reduktion der Gesamtmortalität sowie kardiovaskulärer, onkologischer und metabolischer Erkrankungen assoziiert (Momma et al., 2022). Eine Physiotherapie, die „gesund bewegen“ ernst nimmt, behandelt folglich nicht nur das aktuelle Symptom, sondern investiert in die langfristige Gesundheit des Patienten – ein Effekt, den manuelle Techniken in dieser Form nicht erzielen können.
Viertens, die Übereinstimmung mit der Evidenzlage zur eigenen Berufsgruppe. Wie die eigene Datenerhebung in der Bachelorarbeit zeigte, korrelierte eine Manuelle-Therapie-Weiterbildung tendenziell negativ mit schmerzneurophysiologischem Wissen und mit evidenzbasierten, nicht-biomechanisch-reduktionistischen Überzeugungen, während Pain-Education-Fortbildungen und akademische Ausbildung signifikant positive Effekte zeigten. Dies legt nahe, dass eine Fortbildungs- und Praxiskultur, die Krafttraining und aktive Verfahren stärker priorisiert als traditionelle manualtherapeutische Konzepte, auch auf der Ebene der therapeutischen Grundüberzeugungen eine Weiterentwicklung hin zu einem zeitgemäßen, biopsychosozial fundierten Berufsverständnis begünstigen dürfte.
Dies bedeutet nicht, dass manuelle Techniken grundsätzlich obsolet sind – ihr kontextueller, beziehungsstiftender Wert ist real und nutzbar (Rossettini et al., 2018). Es bedeutet aber, dass sie im Sinne von „gesund bewegen“ konsequent als unterstützendes, zeitlich begrenztes Mittel zum Zweck eingesetzt werden sollten, nicht als eigenständiges Behandlungsziel – während progressives, individuell dosiertes Krafttraining den eigentlichen Kern einer aktivierenden, nachhaltigen und wissenschaftlich fundierten Physiotherapie bildet.

7. Praktische Implikationen: für die physiotherapeutische Praxis
- Dosierung und Progression konsequent planen. Die Evidenz spricht für strukturierte Programme über mindestens 8–16 Wochen mit progressiver Laststeigerung, nicht für punktuelle „Übungen zum Mitgeben“ (Tataryn et al., 2021).
- Externe Last nutzen, wo tolerierbar. Belastetes Krafttraining zeigt gegenüber unbelastetem Training einen kleinen, aber im Verlauf zunehmenden Zusatznutzen – die Dosis ist relevant.
- Geduld bei Tendinopathien kommunizieren. Da die strukturelle Sehnenadaptation Monate benötigt (Kjær et al., 2009), sollte die Erwartungshaltung von Patienten aktiv auf funktionelle statt struktureller Verbesserung als primäres kurzfristiges Ziel gelenkt werden.
- Krafttraining als graduierte Exposition rahmen. Statt Übungen rein biomechanisch zu erklären, profitieren Patienten mit ausgeprägter Bewegungsangst von einer expliziten Rahmung als schrittweise Konfrontation mit vermiedenen, aber sicheren Bewegungen.
- Kontext aktiv gestalten – unabhängig von der Technik. Positive Erwartungen, eine tragfähige therapeutische Beziehung und eine kompetente, aber nicht paternalistische Kommunikation verstärken die Wirkung jeder Intervention und sollten bewusst eingesetzt werden (Rossettini et al., 2018).
- Autonomie fördern statt Abhängigkeit erzeugen. Wahlmöglichkeiten bei der Übungsauswahl, transparente Zielsetzung und Feedback zur eigenen Kompetenzentwicklung stärken die autonome Motivation und damit die langfristige Adhärenz.
Fazit:
Krafttraining wirkt in der Physiotherapie nicht über einen einzelnen Mechanismus, sondern über ein Zusammenspiel lokaler Gewebeadaptation, systemischer endokriner und schmerzmodulatorischer Prozesse, funktioneller Kapazitätssteigerung und – klinisch möglicherweise am bedeutsamsten – einer tiefgreifenden Veränderung des Verhältnisses des Patienten zu seinem eigenen Körper. Die Evidenz bei chronischem LBP und Tendinopathien stützt seinen Einsatz als First-Line-Intervention, während ein erheblicher Teil der Wirkung anderer, traditionell dominanter Verfahren wie der manuellen Therapie kontextuell statt spezifisch vermittelt ist. Für eine Physiotherapie, die sich der aktiven, nachhaltigen Befähigung ihrer Patienten verschrieben hat, ist Krafttraining damit nicht nur eine wirksame, sondern eine philosophisch konsequente Wahl.
Literaturverzeichnis
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Hinweis zur Methodik: Alle Angaben zu Studienergebnissen, Effektstärken und Metaanalysen wurden im Rahmen der Recherche für diesen Artikel gezielt über wissenschaftliche Datenbanken (PubMed, ScienceDirect, JOSPT u. a.) verifiziert. Wo Primärstudien nur über Sekundärquellen (z. B. Reviews, die diese zitieren) auffindbar waren, wurde dies im Text kenntlich gemacht. Für einzelne im Fließtext erwähnte Befunde (z. B. zu Manueller Therapie vs. Übungstherapie, Metaanalysen zu Aerobic- vs. Krafttraining, HSR bei Tendinopathien, Selbstbestimmungstheorie in der Physiotherapie) liegen die zugrunde liegenden Studien vor, jedoch ohne vollständig verifizierbare Erstautorenangabe zum Zeitpunkt der Recherche; diese Aussagen sind daher bewusst ohne Autorennennung im Text formuliert und sollten bei Bedarf vor Veröffentlichung noch einmal mit vollständiger Quellenangabe ergänzt werden.
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